| KMK-Pressemitteilung |
Bonn,
6. Dezember 2004
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Stellungnahme
der KMK zu den Ergebnissen von PISA 2003
(Internationaler Vergleich)
Die
Kultusministerkonferenz hat 1997 beschlossen, sich in Zukunft regelmäßig
an internationalen Schulleistungsvergleichen, wie sie z.B. von der OECD durchgeführt
werden, zu beteiligen. Abgesichertes Wissen über den Zustand unseres Bildungssystems
ist ein Beitrag zur öffentlichen Transparenz und dient zugleich einer zielgerichteten
Steuerung unseres Bildungssystems.
Jetzt liegen die Ergebnisse von PISA 2003 vor, die nach PISA 2000 zum zweiten
Mal Wissen sowie Fähigkeiten und Fertigkeiten der 15-jährigen Schülerinnen
und Schüler in deutschen Schulen im Vergleich mit den anderen Mitgliedsstaaten
der OECD beschreiben. PISA bezieht sich regelmäßig auf die Bereiche
Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften und damit auf Kompetenzbereiche, die
für das Weiterlernen und die Bewältigung der Anforderungen des Berufslebens
bedeutsam sind. Bei PISA 2003 wurde zum ersten Mal auch ein internationaler
Vergleich für den Bereich Problemlösen durchgeführt. Dabei geht
es um Kompetenzen im Bereich der Lösung realer Probleme, in denen fachliche
Kompetenzen aus verschiedenen Bereichen gebündelt und auf alltagsnahe Problemstellungen
angewendet werden ("intelligente Anwendung von Wissen").
Die Ergebnisse von PISA 2003 erlauben es zum ersten Mal, zwischen den Ergebnissen
zweier Erhebungen zu vergleichen. Dabei ist festzustellen, dass es bei vielen
OECD-Mitgliedsstaaten Veränderungen gegeben hat und zwar sowohl positive
wie negative. Bei PISA 2000 lagen die Leistungen der Schülerinnen und Schüler
an deutschen Schulen in allen genannten drei Untersuchungsbereichen unter dem
OECD-Durchschnitt. 2003 liegt Deutschland in allen drei Leistungsbereichen im
Durchschnitt der OECD-Staaten. In den Bereichen Mathematik und Naturwissenschaften
ist eine signifikante, d.h. statistisch abgesicherte, Leistungssteigerung zu
beobachten. Auch im Bereich Lesen ist der Punktwert höher; diese Veränderung
ist aber nicht signifikant. Allerdings hat das Interesse der Schülerinnen
und Schüler am Lesen generell zugenommen. Im Bereich Problemlösen
liegen die Leistungen der Schülerinnen und Schüler in deutschen Schulen
signifikant über dem OECD-Durchschnitt.
Diese positiven Tendenzen sind eine Bestätigung für die Arbeit der
deutschen Schulen in den vergangenen Jahren. Die Steigerung in den Bereichen
Mathematik und Naturwissenschaften deutet darauf hin, dass die nach der Veröffentlichung
der unbefriedigenden TIMSS-Ergebnisse ab dem Jahr 1997 eingeleiteten Maßnahmen
zur Verbesserung des Unterrichts in den Bereichen Mathematik und Naturwissenschaften,
z. B. im Rahmen des Modellversuchsprogramms SINUS, zu ersten Erfolgen geführt
haben. Die KMK sieht sich damit in ihrer Auffassung bestätigt, dass der
Weiterentwicklung des Unterrichts eine zentrale Bedeutung für die Verbesserung
von Schülerleistungen zukommt und dass hier ein Potenzial für weitere
Verbesserungen vorhanden ist, die allerdings Zeit benötigen.
Zu einer realistischen Bewertung der Ergebnisse gehört die Erkenntnis,
dass es bis zum Zeitpunkt der Testdurchführung nicht gelungen ist, die
Leistungen der so genannten Risikogruppe (Schülerinnen und Schüler
mit nur geringen Kompetenzen) und der Jugendlichen mit Migrationshintergrund
zu verbessern. Dies und die weiterhin bestehende enge Kopplung von sozialer
Herkunft und Kompetenzerwerb sind aus Sicht der KMK nicht hinzunehmen. Hier
liegt eine besonders große Herausforderung für die Bildungspolitik
der kommenden Jahre. Aus Sicht der KMK ist in diesem Zusammenhang die neue Erkenntnis
sehr beunruhigend, dass Jugendliche, deren Eltern im Ausland geboren sind, die
aber selbst in Deutschland aufgewachsen sind, noch ungünstigere Ergebnisse
als zugewanderte Jugendliche erzielen.
Die KMK hat im Dezember 2001 nach den Ergebnissen von PISA 2000 gemeinsame Anstrengungen
zur Modernisierung des deutschen Bildungswesens beschlossen und dafür sieben
Handlungsfelder benannt:
1. Maßnahmen zur Verbesserung der Sprachkompetenz bereits im vorschulischen
Bereich
2. Maßnahmen zur besseren Verzahnung von vorschulischem Bereich und Grundschule
mit dem Ziel einer frühzeitigen Einschulung
3. Maßnahmen zur Verbesserung der Grundschulbildung und durchgängige
Verbesserung der Lesekompetenz und des grundlegenden Verständnisses mathematischer
und naturwissenschaftlicher Zusammenhänge
4. Maßnahmen zur wirksamen Förderung bildungsbenachteiligter Kinder,
insbesondere auch der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund
5. Maßnahmen zur konsequenten Weiterentwicklung und Sicherung der Qualität
von Unterricht und Schule auf der Grundlage von verbindlichen Standards sowie
eine ergebnisorientierte Evaluation
6. Maßnahmen zur Verbesserung der Professionalität der Lehrertätigkeit,
insbesondere im Hinblick auf diagnostische und methodische Kompetenz als Bestandteil
systematischer Schulentwicklung
7. Maßnahmen zum Ausbau von schulischen und außerschulischen Ganztagsangeboten
mit dem Ziel erweiterter Bildungs- und Fördermöglichkeiten, insbesondere
für Schülerinnen und Schüler mit Bildungsdefiziten und besonderen
Begabungen.
Die KMK betont, dass sich angesichts des kurzen Wirkungszeitraums zwischen der
Einleitung von Maßnahmen in den genannten Handlungsfeldern und den Erhebungen
im Rahmen von PISA 2003 (1 ½ Jahre) Effekte nicht oder nur sehr eingeschränkt
in den Ergebnissen von PISA 2003 niederschlagen konnten. Sie bekräftigt
die unveränderte Bedeutung dieser Handlungsfelder und erklärt ihre
Entschlossenheit, die Arbeit in den genannten Feldern im Interesse einer weiteren
Steigerung der Schülerleistungen konsequent fortzusetzen.
Nur langfristig angelegte und kontinuierlich fortgesetzte Maßnahmen können
zu nachhaltigen Verbesserungen führen. Dies gilt insbesondere für
die genannten Problembereiche der so genannten Risikogruppe (Schülerinnen
und Schüler mit geringen Kompetenzen), Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund
und der Kopplung von sozialer Herkunft und Schulleistung. Hier muss frühzeitig
und kontinuierlich einer ungünstigen Entwicklung der Bildungsbiographie
der betroffenen Kinder und Jugendlichen entgegen gewirkt werden. Angesichts
der großen Bedeutung einer frühen Förderung sind die eingeleiteten
langfristig wirksamen Maßnahmen zur Stärkung des Bildungsauftrags
der Kindertagesstätten und zur Verbesserung der sprachlichen Kompetenz,
insbesondere der Kinder mit Migrationshintergrund bereits im Vorschulalter und
dann im weiteren Verlauf der Schulzeit zu intensivieren. Gleichzeitig müssen
die Anstrengungen verstärkt werden, bei ungünstigen Entwicklungen
in der Bildungsbiographie gezielte Ausgleichsmaßnahmen einzuleiten. Die
vielfältigen Maßnahmen der Länder, auch der Ausbau der Ganztagsangebote
mit dem Ziel verbesserter Fördermöglichkeiten, liefern hierzu einen
wichtigen Beitrag.
Die Kultusministerinnen und Kultusminister der Länder wissen, dass es zu
einer Qualitätsverbesserung des deutschen Bildungswesens auch einer weiteren
Verbesserung der Rahmenbedingungen bedarf. Dies gilt insbesondere für die
genannten Problembereiche. Die Kultusministerinnen und Kultusminister streiten
seit Jahren konsequent dafür, dass Priorität für Bildung ernst
genommen wird und konkrete Konsequenzen hat, und sie werden sich weiter dafür
einsetzen.
Im Interesse einer unmittelbar wirksamen und gemeinsam getragenen Arbeit an
der notwendigen Modernisierung unseres Bildungssystems möchte die KMK eine
verengte und verkürzte PISA-Debatte vermeiden. Die Befunde aus PISA 2003
zeigen, dass sowohl integrierte als auch differenzierende Schulsysteme gute
Leistungen erzielen können. Zur Schulstruktur kommt der jetzt vorliegende
Bericht in ähnlicher Weise wie der Bericht zu PISA 2000 zu dem Ergebnis,
dass "kein Zusammenhang zwischen dem Differenzierungsgrad des Schulsystems
bzw. dem Alter der Differenzierung und dem Kompetenzniveau" besteht. Die
KMK unterstreicht, dass schulstrukturelle Entwicklungen die sehr unterschiedlichen
Ausgangslagen und Voraussetzungen in den einzelnen Ländern berücksichtigen
müssen. Sie sieht im Einvernehmen mit dem PISA-Konsortium in allen Schulformen
ein ausgeprägtes Potenzial für Verbesserungen.
In der KMK besteht Einvernehmen darüber, dass die Erkenntnis von PISA 2000
im Hinblick auf die Notwendigkeit eines besseren Umgangs mit der Heterogenität
der Schülervoraussetzungen und Schülerleistungen unverändert
fort gilt und die Zielsetzung einer verbesserten individuellen Förderung
aller Schülerinnen und Schüler weiter mit Nachdruck verfolgt werden
muss. Dies muss sich unter anderem in der Lehreraus- und -fortbildung zum Beispiel
im Hinblick auf eine Verbesserung der Diagnosefähigkeit der Lehrerinnen
und Lehrer und eine gezielte Unterstützung der einzelnen Schülerinnen
und Schüler niederschlagen.
Im Interesse einer Verbesserung des Unterrichts als des Kerns der schulischen
Arbeit wird die KMK ihre Anstrengungen im Bereich der Entwicklung länderübergreifend
verbindlicher Bildungsstandards, ihrer Implementation in allen Ländern
und ihrer regelmäßigen Überprüfung konsequent fortsetzen.
Das von allen Ländern getragene Institut zur Qualitätsentwicklung
im Bildungswesen an der Humboldt-Universität zu Berlin wird entsprechend
seine Arbeit in Kürze aufnehmen.
Alle Länder in der Bundesrepublik Deutschland werden nach den ersten Anzeichen
für eine positive Entwicklung, wie sie in den Ergebnissen von PISA 2003
deutlich werden, gemeinsam und abgestimmt darauf hinarbeiten, dass sich dieser
Trend fortsetzt und verstetigt und insbesondere auch zur Lösung der genannten
Probleme beiträgt.
In diesem Sinne werden in der KMK in den kommenden Monaten die folgenden Arbeitsbereiche
im Mittelpunkt stehen:
- Verbesserung des Unterrichts zur gezielten Förderung in allen Kompetenzbereichen,
insbesondere in den Bereichen Lesen, Geometrie und Stochastik.
- Frühzeitige gezielte Förderung von Kindern und Jugendlichen, die
aus sozial schwierigem Umfeld stammen oder einen Migrationshintergrund haben,
und gezielte Ausgleichsmaßnahmen bei ungünstigen Entwicklungen in
der Bildungsbiographie.
- Weiterentwicklung der Lehreraus- und –fortbildung, insbesondere im Hinblick
auf den Umgang mit Heterogenität, eine Verbesserung der Diagnosefähigkeit
und eine gezielte Unterstützung der einzelnen Schülerinnen und Schüler.
Die Verbindung von guten Leistungsergebnissen und einer besseren Entkopplung
von sozialer Herkunft und erreichter Kompetenz ist, wie der internationale Vergleich
im Rahmen von PISA 2003 zeigt, für Deutschland eine große Herausforderung
und eine notwendige Zielsetzung.
Eine Kurzfassung der Ergebnisse PISA 2003 des PISA-Konsortiums finden Sie hier.
Mehr Informationen finden Sie auf der Homepage des IPN - Leibniz-Institut für
die Pädagogik
der Naturwissenschaften, Kiel: www.ipn.uni-kiel.de .