23.5.2012 - 13:48
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Kriegsbedingt verlagerte Kulturgüter

Die Verhandlungen haben zwei Zielrichtungen: Einerseits geht es um die Restitution der Kulturgüter, die während des Zweiten Weltkrieges aus den betroffenen Staaten geraubt und widerrechtlich nach Deutschland verbracht wurden. Der überwiegende Teil dieser Güter wurde bereits in der unmittelbaren Nachkriegszeit über so genannte Collecting Points in die Ursprungsstaaten zurückgebracht, ferner leistete die Bundesrepublik Deutschland Entschädi­gungen nach dem Bundesrückerstattungsgesetz. Faktisch werden somit heute in Deutschland nur noch wenige Einzelstücke aufgefunden.

Auf der anderen Seite gehen die Bemühungen der Bundesrepublik dahin, die kriegsbedingt aus Deutschland verlagerten oder entwendeten Kulturgüter zurückzuerhalten. Die Dimension der aus Deutschland verbrachten und noch heute vermissten Kulturgüter ist erheblich: So ist davon auszugehen, dass in russischen Depots und Museen noch mindestens 3 Kilometer Archivalien, 4,6 Mio. zum Teil wertvolle Bücher und ca. 1 Mio. Stücke aus deutschen Museen und Sammlungen liegen. In Polen befinden sich in erster Linie etwa 500.000 Dokumente und Autographen aus der ehemaligen Preußischen Staatsbibliothek zu Berlin.
Die aus diesen Gegebenheiten folgende Asymmetrie der gegenseitigen Ansprüche ist mitunter schwer vermittelbar.

Den an den Rückführungsverhandlungen Beteiligten ist bewusst, dass sich befriedigende bilaterale Lösungen letztendlich nur in einem offenen, vertrauensvollen Verhandlungsklima im Rahmen von konstruktiven Gesamtentwicklungen finden lassen. Die Folgen der immensen Verlagerung von Kulturgütern nach oder aus Deutschland im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg und deren Aufarbeitung sind daher viele Jahrzehnte nach Kriegsende und nach Aufnahme der Verhandlungen im Jahr 1993 unverändert aktuell und werden es noch für längere Zeit bleiben.

Trotz der rechtlich und tatsächlich schwierigen Problematik konnten in den vergangenen Jahren immer wieder Einzelerfolge erzielt werden, wie die nachfolgenden Beispiele zeigen:

Die erste große Rückführung von Buchbeständen aus einem der Nachfolgestaaten der UdSSR war die von Georgien 1996 durchgeführte Restitution von 76.000 Büchern mit Eigentumszeichen deutscher Bibliotheken an die Bundesrepublik Deutschland. Diese Rückgabe wurde in einem Festakt im Beisein vom Bundesminister des Auswärtigen Amtes, Minister a.D. Klaus Kinkel, und dem georgischen Botschafter in den Räumen der Stadtbibliothek zu Berlin (Haus Unter den Linden) gewürdigt.

1998 hat Armenien 575 kriegsbedingt verlagerte deutsche Musikalien, Bücher und Archivalien, darunter bedeutende Einzelstücke, zurückgegeben. Im August 2000 wurden weitere 18.000 Bücher nach Deutschland zurückgeführt.
Aserbaidschan hat 1999 zwei in Baku verwahrte Zeichnungen zurückgegeben.
Die Ukraine hat im November 2001 das Notenarchiv der Sing-Akademie zu Berlin mit dem Nachlass von Carl Philipp Emanuel Bach übergeben. Des Weiteren hat der ukrainische Staatspräsident Kutschma im Februar 2004 wertvolle Kupferstiche des 17./18. Jahrhunderts aus den Beständen des Dresdner Kupferstichkabinetts zurückgegeben.
Im Zuge der Regierungsverhandlungen mit Georgien hatten die Vertragsparteien die Rückgabe von 903 Bänden der ehemaligen Deutschen Ärztebibliothek und von 45 weiteren Bänden aus Bremen und Magdeburg vereinbart, die im September 2003 in Deutschland eingetroffen sind.

Der estnische Ministerpräsident übergab im Mai 2004 der Bremer Kunsthalle das 1945 in die Sowjetunion verbrachte Dürer-Gemälde „Der Heilige Johannes“.

Russland gab im Juni 2002 111 mittelalterliche Fensterfelder des Chors der St. Marienkirche zu Frankfurt an der Oder zurück. Die Rückgabe der noch fehlenden 6 Kirchenfensterbilder erfolgte im November 2008.

Frankreich restituierte im Oktober 2004 ca. 25 Regalmeter Schriftgut regionaler und zentraler deutscher Dienststellen aus den 1920er Jahren und den Jahren 1940 – 1944.

Im September 2005 wurde das Gemälde „Ausritt der Fürstin Liegnitz im Park von Charlottenburg“ von Franz Krüger aus Kirgisistan nach Berlin in den Besitz der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg zurückgegeben.

Ebenso  konnte 2005 mit Unterstützung des Generalkonsulats in Boston das „Zunftbuch vom Jahr anno 1649 der Schneiderzunft zu St. Goar“  dem Landeshauptarchiv Koblenz zurückgegeben werden.

2006 konnten drei Bilder des Malers Heinrich Bürkels, die gegen Ende des Krieges nach Amerika verbracht worden waren, an die Stadt Pirmasens zurückgegeben werden („Nach der Jagdt“, „Pferdefang in der Puszta“ und „Amalfi, von einer Felsenhöhle aus gesehen“). 

Weiterhin wurde 2006 auf Initiative der in London ansässigen Commission for Looted Art ein Florentiner Damenporträt des Manierismus  „Eleonora von Toledo“ an die Berliner Gemäldegalerie zurückgegeben.

Im Rahmen der Rückführungsverhandlungen mit der Ukraine konnte im September 2008 eine Zeichnung von Georg Friedrich August Lucas „Veduta di Valmontone“ an das Dresdner Kupferstich-Kabinett zurückgegeben werden.

Im georgischen Tiflis konnten 2007 erstmals fast 100.000 Bände besichtigt werden, von denen mehr als die Hälfte ebenfalls Eigentumszeichen deutscher Bibliotheken tragen. Die Rückführung wird gegenwärtig zwischen Deutschland und Georgien vorbereitet. Die deutsche Seite hat im Gegenzug zwei georgischen Bibliothekaren im Frühjahr 2009 eine Fortbildung in Fragen der Bestandserhaltung ermöglicht.

2010 erfolgte die Rückgabe des Augsburger Geschlechterbuchs aus dem 16. Jahrhundert durch die USA an die Bundesrepublik Deutschland zugunsten des Landes Baden-Württemberg. Weiterhin wurden Werke der Maler Heinrich Bürkel, Philipp Fix und Alois Broch an die Stadt Pirmasens zurückgegeben.

Von deutscher Seite erfolgte 2011 die Rückgabe ukrainischer Volkskunstobjekte (210 Ostereier und ein Keramikteller) an die Ukraine.

Ausführliche Informationen zur Thematik der kriegsbedingt verbrachten Kulturgüter und weitere Beispiele für Rückführungen finden sich in dem von der Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste herausgegebenem Band "Kulturgüter im Zweiten Weltkrieg. Verlagerung - Auffindung - Rückführung", Magdeburg 2007".

Parallel zu den Verhandlungen auf Regierungsebene wurde unter den Ländern als von Kulturgutverlusten Hauptbetroffenen die Notwendigkeit gezielter Recherche, Transparenz und Dokumentation erkannt. Um die Kulturgutverluste bzw. –verbringungen infolge des Zweiten Weltkriegs möglichst detailliert zu erfassen, gründeten zunächst 10 Länder 1994 die Koordinierungsstelle der Länder für die Rückführung von Kulturgütern. Einige Jahre später beteiligten sich alle Länder, schließlich auch der Bund (Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien) an der Stelle mit Sitz beim Kultusministerium des Landes Sachsen-Anhalt in Magdeburg. Die Dokumentation und damit verbundenen Recherchen der heutigen Koordinierungsstelle Magdeburg dienen u.a. dem Ziel, national und international Transparenz herzustellen, Betroffene zu ermitteln, Ansprüche zu wahren oder geltend zu machen und zugleich die politische Ebene bei der Rückgabe vermisster Kulturgüter fachlich zu unterstützen. Weitere Informationen hierzu finden sich auf der "Lost Art Internet Database".