23.5.2012 - 15:13
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Aktuelle Entwicklungen im Bildungs- und Beschäftigungsbereich

Spitzengespräch der Präsidenten von KMK, HRK und Bundesanstalt für Arbeit in Erfurt

Am 01.Oktober 1997 haben die Präsidenten der Kultusministerkonferenz, Minister Prof. Rolf Wernstedt, der Hochschulrektorenkonferenz, Prof. Dr. Klaus Landfried, und der Bundesanstalt für Arbeit, Bernhard Jagoda, in Erfurt ein Gespräch zu den aktuellen Entwicklungen im Bildungs- und Beschäftigungssystem geführt.

Die Präsidenten bekräftigten, daß eine intensive und mit neuen medialen Möglichkeiten durchgeführte Berufsorientierung und Berufsberatung in der Schule dazu beiträgt, die vielfältigen Möglichkeiten der dualen und schulischen Berufsausbildung sowie der Hochschulausbildung zu verdeutlichen und damit das knappe Angebot an Ausbildungsstellen besser zu nutzen. Sie erörterten dabei auch die Ergebnisse einer bundesweit durchgeführten Untersuchung zur Wirksamkeit der "Gemeinsamen Empfehlung der Kultusministerkonferenz, der Bundesanstalt für Arbeit und der Hochschulrektorenkonferenz über die Zusammenarbeit von Schule, Berufsberatung und Studienberatung im Sekundarbereich II". Die Evaluation kommt zu dem Ergebnis, daß die "Gemeinsame Empfehlung" von 1992 einen ausreichenden Rahmen der Zusammenarbeit bietet. An allen befragten Standorten bestünden vielfältige Angebote und Maßnahmen der drei Partner zur Beratung und Orientierung von Schülerinnen und Schülern. Die Zusammenarbeit sei überall - zumeist bilateral - gegeben. In bestimmten Bereichen sollten aber trilaterale Aktivitäten intensiviert und weiterentwickelt werden. Die finanziellen und personellen Rahmenbedingungen für die gemeinsamen Aufgaben der Beratung und Orientierung, so der Evaluationsbericht, seien derzeit schwierig und stellten Schulen, Berufsberatung und Studienberatung vor neue große Herausforderungen; auch von daher sei eine weitere Vertiefung der Zusammenarbeit notwendig. Der Bericht gibt hierzu Anregungen.

Die Präsidenten begrüßten den von der Kultusministerkonferenz mit dem Spitzengespräch zur Weiterentwicklung des dualen Systems der Berufsausbildung (am 22./23. Mai 1997 in Wolfsburg) eingeschlagenen Weg, durch strukturelle und inhaltliche Maßnahmen die duale Berufsausbildung für die Betriebe und die Jugendlichen attraktiv zu erhalten. Sie betonten, daß es Aufgabe der Wirtschaft ist, ein zukunfts- und bedarfsgerechtes Ausbildungsangebot für die Jugendlichen bereitzustellen.

Im Verlauf des Gesprächs wurden außerdem aktuelle Fragen der Studienstrukturreform erörtert, insbesondere die Bemühungen von Hochschulen, Studiengänge und Abschlüsse stärker zu internationalisieren, um sie für ausländische Studierende attraktiver zu machen und für die deutschen Studenten Studienaufenthalte im Ausland zu erleichtern. Dazu zählen u.a. die Modularisierung von Studienangeboten, die Einführung eines credit-point-Systems (Leistungspunktsystem) an allen Hochschulen und die Einführung von Master- bzw. Bachelorabschlüssen. Die Präsidenten waren sich darin einig, daß die neuen Abschlüsse nur Erfolg haben können, wenn sie zu einer auf dem Arbeitsmarkt anerkannten beruflichen Qualifikation führen. Die Präsidenten teilen die Auffassung, daß es allerdings nicht Ziel sein kann, das deutsche Studiensystem durch eines anglo-amerikanischer Prägung zu ersetzen. Den Hochschulen soll in einer Erprobungsphase ein möglichst weiter Gestaltungsspielraum eingeräumt werden. Ziel einer Erprobung und Evaluation soll sein, neue Ebenen berufsqualifizierender Abschlüsse an Hochschulen zu etablieren.

Die mit der HRG-Novelle angestrebte Rücknahme der Regelungsdichte wird zu einem größerem Gestaltungsspielraum für die Länder und Hochschulen führen und damit mehr Wettbewerb im gesamten Hochschulsystem ermöglichen. Dies gilt sowohl für Organisation und Leitung der Hochschulen als auch für neue Formen der Hochschulfinanzierung und der Mittelverteilung innerhalb der Hochschulen. Die Präsidenten waren sich darüber einig, daß stärkere Profilierung und Eigenverantwortlichkeit der Hochschulen zu begrüßen ist, was jedoch auch Leistungsbewertung und Qualitätssicherung erforderlich macht. Übereinstimmung besteht auch darin, daß angesichts der aktuellen Arbeitsmarktentwicklung, aber auch im Hinblick auf die wirtschaftliche Gesamtlage eine engere Rückkoppelung zwischen der Berufswelt und den Hochschulen notwendig ist. Von wachsender Bedeutung sind daher auch die Ansätze, Studium und berufliche Ausbildung zu "dualen Studiengängen" zu verbinden, wie dies von einigen Fachhochschulen bereits praktiziert wird.

Die Präsidenten diskutierten weiter die Veränderungen der Wettbewerbsbedingungen für akademische Berufe. So stehen etwa angehende Chemiker aufgrund der Strukturveränderungen in der Branche beim Berufseinstieg zunehmend im Wettbewerb mit Absolventen anderer natur- und ingenieurwissenschaftlicher Studiengänge. Deshalb wurden neue Abschlüsse, wie z.B. eines "Diplom-Wirtschaftschemikers", als Möglichkeit der Anpassung an den veränderten Arbeitsmarkt erörtert. Zur Bedeutung des Ingenieurberufs für den Standort Deutschland diskutierten die Präsidenten Maßnahmen zur Steigerung der Attraktivität wie z.B. Internationalisierung, Erhöhung des Frauenanteils, Vertiefung der Beziehungen zur Wirtschaft und Förderung eines gegenüber der Technik und der Naturwissenschaft aufgeschlossenen Klimas in der Bundesrepublik. Im Hinblick auf die Arbeitsmarktprobleme mancher Magisterstudiengänge, vor allem in den Sprach- und Kulturwissenschaften, diskutierten die Präsidenten Anpassungsstrategien durch mehr Praxisbezug und neue Studiengänge, wie z.B. "Kulturmanagement" und "Medienwissenschaft", sowie die Stärkung des internationalen Studienaustauschs.

Abschließend erörterten die Präsidenten mögliche bildungsrelevante Themen für die deutsche EU-Präsidentschaft 1999. Da diese Zeit geprägt sein wird von der Beratung und Verabschiedung der neuen Bildungsprogramme sehen die Präsidenten u.a. Handlungsbedarf für die Evaluierung der laufenden EU-Mobilitätsprogramme SOKRATES und LEONARDO und die Entwicklung von Umsetzungsstrategien für die zweite Generation dieser Programme. Außerdem sollte der europäischen Dimension in der beruflichen Aus- und Weiterbildung und den dort tätigen Beratungssystemen sowie "Multimedia" in Schulen und Hochschulen ein besonderer Stellenwert zukommen.