23.5.2012 - 15:30
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"Kultur ist Seismograph der gesellschaftlichen Situation"

Debattenbeitrag von Staatsminister Prof. Dr. Hans Joachim Meyer auf derUNESCO-Weltkonferenz über Kulturpolitik für Entwicklung
30.März - 02.April 1998, Stockholm

Der 1. Vizepräsident der Kultusministerkonferenz und sächsische Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, Professor Dr. Hans Joachim Meyer, sagte in seiner heutigen Plenarrede in Stockholm vor 150 Delegationen aus den Mitgliedstaaten der UNESCO: "Kultur wird zum Seismographen der jeweiligen gesellschaftlichen Situation", denn sie spielt "für den Zustand und die Entwicklung einer Gesellschaft eine wichtige Rolle und prägt gleichermaßen das individuelle wie das öffentliche Bewußtsein".  

Für die Kulturpolitik, so der Minister weiter, "wird deshalb der Begriff der Identität zu einer zentralen Denkkategorie. Identität ist der Gegenbegriff zu jedem Versuch, Kultur und Geschichte politisch und ideologisch zu instrumentalisieren. Denn Identität ist selbstbestimmte Haltung zu den Erfahrungen und Einsichten der Geschichte und zu den Werten und Leistungen der Kultur, die unser heutiges gesellschaftliches Leben prägen".

Auf der UNESCO-Weltkonferenz über Kulturpolitik für Entwicklung, die vom 30.März - 02.April 1998 in der schwedischen Hauptstadt als diesjähriger Kulturhauptstadt Europas stattfindet, leiten Minister Prof. Meyer als 1. Vizepräsident der KMK und Staatsminister Helmut Schäfer vom Auswärtigen Amt die deutsche Delegation. Diese repräsentiert mit zahlreichen Mitgliedern die Vielfalt der kulturellen Trägerschaft in Deutschland durch Vertreter aus Politik, Verwaltung und Kultur. Für die Ländergemeinschaft sind Vertreter aus Berlin, Brandenburg und Sachsen an der Konferenz beteiligt, die ein gemeinsames Thesenpapier zu aktuellen Fragen des Kulturmanagements und der Kulturfinanzierung unter besonderer Berücksichtigung der regionalen Vielfalt in die Konferenzdebatten einbringen.

12 Jahre nach der ersten weltweiten Kulturministerkonferenz 1982 in Mexiko diskutieren in Stockholm über 2000 Teilnehmer aus aller Welt über den Entwurf eines Aktionsplans, der eine kulturpolitische Neuorientierung einleiten soll. Er geht unmittelbar auf den 1995 vorgelegten Bericht der Weltkommission Kultur und Entwicklung "Unsere kreative Vielfalt" zurück, der unter Vorsitz des ehemaligen UN-Generalsekretärs Pérez de Cuéllar eine friedens-, entwicklungs- und sozialpolitische Neuorientierung der Kulturpolitik einfordert. Kulturpolitik soll sowohl in der nationalen Gesamtpolitik als auch in der Entwicklungspolitik künftig eine Schlüsselrolle einnehmen. Der Aktionsplan regt eine Ressourcenanhebung für die kulturelle Entwicklung an und zielt auf den Schutz kultureller Rechte und des kulturellen Erbes, die verstärkte Förderung der Kreativität und der Kulturindustrien sowie die kulturelle Vielfalt in der Informationsgesellschaft ab. Die Verabschiedung des Aktionsplans zur kulturpolitischen Neuorientierung in den UNESCO-Mitgliedstaaten ist für den 02.April vorgesehen.

Staatsminister Prof. Meyer nutzte als deutscher Delegationsleiter die Gelegenheit seiner Ansprache vor dem Plenum der Weltkonferenz auch, um den kulturellen Aufbruch in den fünf ostdeutschen Ländern seit der deutschen Einigung zu umreißen: Nach Jahrzehnten der Diktatur haben "die ostdeutschen Länder wieder eine Chance erhalten, der bisherigen Manipulation des Einzelnen den Aufbau neuer gesellschaftlicher Strukturen entgegenzusetzen, die den Aufbruch ins 21. Jahrhundert garantieren sollen ... Dabei entstand die Überzeugung, daß Kulturpolitik ihren Aufgaben nur dann gerecht wird, wenn sie den Mut hat, Strukturen immer wieder auf ihren fortdauernden Sinn und ihre Wirksamkeit zu überprüfen. Erfolgreiche Kulturpolitik ist nur im engen Zusammenwirken mit Bürgerinnen und Bürgern zu verwirklichen ... Es liegt im ureigenen Interesse eines jeden von uns, daß Kulturpolitik in noch stärkerem Maße als bislang den ihr gemäßen Stellenwert einnimmt und nicht auf Brosamen angewiesen ist, die möglicherweise im Streit der Prioritäten noch übrigbleiben."

Volltext der Rede sowie Volltext des Aktionsplans