Licht und Schatten im IQB-Bildungstrend 2024
16.10.2025
Die Studie erlaubt erstmals eine Trendbetrachtung über zwölf Jahre hinweg. Die Ergebnisse zeigen deutliche Kompetenzrückgänge in allen vier Fächern seit 2018, aber auch weiterhin hohe und positiv ausgeprägte Schulzufriedenheit und positive Ansätze bei der Integration und beim Einsatz digitaler Medien. Während Motivation und psychosoziale Belastungen Anlass zur Sorge geben, verdeutlichen die Befunde zugleich, dass engagierte Lehrkräfte und gezielte Förderung sich positiv auswirken.
Simone Oldenburg, Ministerin für Bildung und Kindertagesförderung des Landes Mecklenburg-Vorpommern, stellvertretende Ministerpräsidentin und Präsidentin der Bildungsministerkonferenz: „Der IQB-Bildungstrend 2024 zeigt uns deutlich, wo wir stehen – und wo wir dringend besser werden müssen. Die Ergebnisse machen deutlich: Wir brauchen eine gemeinsame Kraftanstrengung, um die Basiskompetenzen unserer Schülerinnen und Schüler zu stärken. Gleichzeitig sehen wir, dass unsere Schulen unter schwierigen Bedingungen viel leisten. Unser Ziel bleibt es: gute Bildung für alle – unabhängig von Herkunft, Wohnort oder Lebensumständen. Die Kultusministerkonferenz hat mit QuaMath bereits 2023 ein umfassendes Programm zur nachhaltigen Verbesserung mathematischer Bildung in Deutschland von der Kita bis zum Abitur eingerichtet, das im Laufe der nächsten Jahre seine Wirkung entfalten wird. Wir werden die Ergebnisse dieses Bildungstrends nutzen, um bestehende Maßnahmen zu überprüfen und neue Impulse zu setzen.“
Christine Streichert-Clivot, Ministerin für Bildung und Kultur des Saarlandes und Koordinatorin der A-Länder: Die Ergebnisse des IQB-Bildungstrends 2024 schreiben eine Entwicklung fort, die wir auch in anderen Ergebnissen des Bildungsmonitorings bereits gesehen haben. Auch hier hat die Pandemie ihre negativen Spuren hinterlassen. Die getestete Schülergruppe war die erste Kohorte, die mitten in der Corona-Pandemie eingeschult wurde. Ihr Schulleben begann im Lockdown, mit Homeschooling, Lernrückständen und sozialer Isolation. Rückgänge bei Motivation, Selbstvertrauen und Basiskompetenzen sind ein Warnsignal – insbesondere für Schülerinnen und Schüler, die schwierige Startbedingungen mitbringen. Die Ergebnisse machen deutlich, wie wichtig es ist, Kinder und Jugendliche nicht nur fachlich, sondern auch emotional und sozial zu stärken. Wir müssen Schule als Lebensort denken, an dem junge Menschen Vertrauen in sich selbst entwickeln, Neugier entfalten und ihre Potenziale voll ausschöpfen können. Schule auch mit Blick auf multiprofessionelle Teams weiterzudenken, ist der richtige Weg. Viele Länderprogramme und das Startchancenprogramm greifen diesen Weg auf. Auch bestätigt sich, dass es wichtig war, in der KMK-Programme wie StarS für den Übergang zur Grundschule, und die Unterrichtsentwicklung über QuaMath voranzutreiben, um Basiskompetenzen, Selbstregulation und Motivation in den Mittelpunkt zu rücken. Ziel ist es, unsere Lehrkräfte durch gezielte Fortbildung zu stärken, um damit allen Kindern – unabhängig von Herkunft oder sozialen Rahmenbedingungen – gleiche Chancen auf gute Bildung zu ermöglichen. Je früher wir handeln, desto nachhaltiger können wir die Entwicklungschancen aller Schülerinnen und Schüler verbessern.
Dorothee Feller, Ministerin für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen und Koordinatorin der B-Länder: „Was schon bei der letzten PISA-Studie festgestellt wurde, hat nun die aktuelle IQB-Studie noch einmal bestätigt. In allen Bundesländern sacken die Werte ab; die Ergebnisse sind unbefriedigend und geben uns einen klaren Auftrag: Wir müssen weiter daran arbeiten, dass der Kompetenzerwerb unserer Schülerinnen und Schüler besser wird. Wir müssen gemeinsam mit Schulen und Wissenschaft genau analysieren, was genau die Ursachen für die Ergebnisse der Studie sind und ob es weitere Maßnahmen braucht. Seit dem letzten Bildungstrend 2018 hat sich unsere Welt stark verändert. Die Corona-Pandemie hat ihre Spuren hinterlassen, Krisen und Kriege in aller Welt belasten unsere Schülerinnen und Schüler, die Integration neu zugewanderter Kinder und Jugendlicher ist und bleibt eine Herausforderung für unsere Schulen, ein zu hoher Medienkonsum etwa durch Social-Media beeinträchtigt die Entwicklung der jungen Menschen. Das alles verlangt unseren Schulen viel ab. Die Länder haben darauf bereits reagiert und auch eine ganze Reihe von Empfehlungen der Wissenschaft aufgegriffen: unter anderem mit Maßnahmen für eine datengestützte Qualitätsentwicklung und eine gezielte Unterstützung von besonders belasteten Schulen. Das Startchancenprogramm wird einen entscheidenden Beitrag für bessere Bildungschancen leisten. Die verschiedenen Maßnahmen müssen jetzt wirken. Wir lassen uns nicht entmutigen, sondern arbeiten konsequent weiter und prüfen fortlaufend, wo zusätzliche Schritte nötig sind. Dazu werden wir uns auch die Studie noch einmal intensiv anschauen und genau auswerten. Dazu darf es keine Denkverbote geben. Gleichzeitig brauchen wir auch von der Wissenschaft noch konkretere Hinweise. Unser Ziel ist klar: Wir stellen die Unterrichtsqualität in den Mittelpunkt mit einem klaren Fokus auf die Stärkung der Basiskompetenzen. Erfahrungen zeigen, dafür braucht es einen langen Atem. Schulpolitik ist und bleibt ein Marathon, kein Sprint.“
Karin Prien, Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: „Die Ergebnisse des IQB-Bildungstrends 2024 sind ein besorgniserregender Befund und ein ernstzunehmendes Warnsignal. Wir sehen deutliche Leistungsrückgänge in fast allen Bundesländern, Schularten und Schülergruppen. Diese Entwicklung gefährdet die Aufstiegschancen junger Menschen und damit die Zukunftsfähigkeit unseres Landes. Deshalb braucht es jetzt entschlossenes gemeinsames Handeln. Bund und Länder müssen eine gemeinsame Kraftanstrengung unternehmen, um die Trendwende zu schaffen – mit besserer früher Sprachförderung, mehr Fokus auf Lesen, Schreiben und Rechnen sowie einer konsequenten Qualitätssicherung in allen Schulen. Bildung ist unser wichtigster Rohstoff – ohne gut ausgebildete junge Menschen hat Deutschland keine Zukunft. Ich sehe in dieser Herausforderung aber auch eine Chance: Die IQB-Ergebnisse können ein Wendepunkt sein, wenn wir sie als Weckruf verstehen. Darum möchte ich Bund, Länder und Kommunen aufrufen, im engen Schulterschluss zu handeln – gemeinsam mit Kitas, Schulen und Familien. Wir brauchen eine ehrliche Debatte und gemeinsame Ziele, damit wir die Bildungschancen unserer Kinder wirklich verbessern. Der Bund steht bereit, Verantwortung zu übernehmen. Ich strecke die Hand aus – für eine Partnerschaft, die unsere Kinder stark macht und unserem Land eine gute Zukunft sichert."
Positive Entwicklungen
Die Studie zeigt auch erfreuliche Aspekte, die Mut machen:
Schülerinnen und Schüler berichten trotz pandemiebedingter Belastungen weiterhin von hoher Schulzufriedenheit und sozialer Eingebundenheit. Auch Jugendliche mit Fluchterfahrung fühlen sich mehrheitlich gut aufgenommen – ein wichtiges Signal für gelingende Integration. Dies ist besonders bedeutsam, da sich die Zahl der Neuntklässlerinnen und Neuntklässler nach einer Verringerung von 2018 bis 2021 von knapp 780.000 auf 771.000 bis zum Testjahr 2024 auf gut 792.000 erhöht hat. Schulen und Lehrkräfte haben diese Herausforderung also gut bewältigt.
In Biologie, Chemie, Physik und Mathematik geben viele Jugendliche an, ein mittleres oder hohes Selbstkonzept zu haben – sie trauen sich also fachlich etwas zu. Dabei ist das Interesse am Fach Biologie hier am meisten ausgeprägt.
Die befragten Lehrkräfte zeigen insgesamt hohe Zufriedenheit und Enthusiasmus für ihren Beruf. Besonders Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger berichten von positiven Einstellungen – ein wichtiger Faktor angesichts des Lehrkräftemangels.
Auch der Einsatz digitaler Medien wird von vielen Lehrkräften als sinnvoll erlebt. Die im Berichtsband beschriebenen Lehrkräfte für Mathematik und Physik zeigen hohe Selbstwirksamkeitserwartungen beim Einsatz digitaler Werkzeuge, die bei guter didaktischer Einbindung zur Motivation beitragen können.
Herausforderungen und Handlungsbedarf
Gleichzeitig verdeutlicht die Studie Problemlagen:
In allen vier untersuchten Fächern – Mathematik, Biologie, Chemie und Physik – sind die durchschnittlich erreichten Kompetenzen seit 2018 gesunken. Betroffen sind dabei auch Schülerinnen und Schüler an Gymnasien und solche, die den Mittleren Schulabschluss (MSA) anstreben.
Auch das fachliche Interesse ist deutlich zurückgegangen: In Mathematik, Chemie und Physik geben über die Hälfte der Jugendlichen an, nur geringes Interesse zu haben. Zudem hat sich das Selbstkonzept verschlechtert – ein Warnsignal für die Lernmotivation.
Emotionale Probleme und Hyperaktivität haben zugenommen, insbesondere bei Mädchen. Gleichzeitig hat die Schulverbundenheit abgenommen. Ein Phänomen, unter dem nicht nur Deutschland leidet. Diese Entwicklungen spiegeln sich auch in internationalen Studien wider.
Nach wie vor bleiben soziale und zuwanderungsbezogene Unterschiede bestehen. Jugendliche aus Familien mit geringerem kulturellem Kapital, Zuwanderungs- oder Fluchthintergrund erreichen weiterhin deutlich niedrigere Kompetenzwerte – teils mit Differenzen von deutlich mehr als 40 Punkten.
In einigen Regionen wird der Mathematikunterricht 2024 als weniger strukturiert und störungsintensiver wahrgenommen als 2018. Dies deutet auf einen erhöhten Bedarf an gezielten Unterstützungsmaßnahmen hin.
Darüber hinaus ist der Anteil der Lehrkräfte, die kein grundständiges Lehramtsstudium durchlaufen und abgeschlossen haben, zwischen 2018 und 2024 deutlich gestiegen – am meisten im Fach Biologie (plus 9,4 Prozentpunkte). Besonders hoch ist der Anteil von Quer- und Seiteneinsteigerinnen und -einsteigern in den Fächern Chemie und Physik (2024: 21 bzw. 24 Prozent). Dagegen bleibt der Anteil im Fach Mathematik mit rund 12 Prozent vergleichsweise gering.
Die Studie zeigt Kompetenznachteile bei Schülerinnen und Schülern, die fachfremd unterrichtet wurden. Das ist vor allem an Schulen der Fall, in denen Schülerinnen und Schüler weniger gute Lernvoraussetzungen mitbringen. Besonders hier wird es darauf ankommen, das die Länder die im März 2024 von der Kultusministerkonferenz beschlossenen Maßnahmen zur Gewinnung zusätzlicher Lehrkräfte und zur strukturellen Ergänzung der Lehrkräftebildung gezielt und konsequent einsetzen.
Maßnahmen und Programme zur Verbesserung
Die Länder und der Bund haben bereits eine Reihe von Initiativen gestartet, die genau dort ansetzen, wo der IQB-Bildungstrend Handlungsbedarf aufzeigt. Im Mittelpunkt steht die Sicherung der Mindeststandards und die Förderung basaler Kompetenzen – eine zentrale Empfehlung des Gutachtens der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission (SWK) vom 9. Dezember 2022. Mit QuaMath verfolgen die Länder seit 2023 ein umfassendes Programm zur nachhaltigen Verbesserung mathematischer Bildung von der Kita bis zum Abitur. Das Programm StarS, das derzeit vom IQB für die Kultusministerkonferenz entwickelt wird, setzt früh an: Es erfasst ab der 1. Jahrgangsstufe nicht nur Kompetenzen in Sprache und Mathematik, sondern auch Aspekte der Selbstregulation und Motivation und entwickelt Module für die Fortbildung von Grundschullehrkräften.
Gemeinsam mit dem Bund greifen Länderprogramme wie SchuMaS und das Startchancenprogramm die Herausforderungen in sozial benachteiligten Regionen auf. Das Startchancen-Programm ist das größte und langfristigste Bildungsprogramm in der Geschichte der Bundesrepublik. Bund und Länder investieren rund 20 Milliarden Euro über zehn Jahre, um die Zahl der Schülerinnen und Schüler, die die Mindeststandards in Deutsch und Mathematik verfehlen, bis zum Ende der Programmlaufzeit an den geförderten Schulen zu halbieren. Neben der Stärkung der Basiskompetenzen in Lesen, Schreiben und Rechnen verfolgt das Programm weitere Ziele: die Förderung sozio-emotionaler Kompetenzen, die Herstellung von Ausbildungsreife und Berufsfähigkeit sowie die Befähigung zur demokratischen Teilhabe. Es setzt auf drei Säulen: Investitionen in eine zeitgemäße Lernumgebung, Chancenbudgets für bedarfsgerechte Lösungen zur Schul- und Unterrichtsentwicklung und zusätzliches Personal zur Stärkung multiprofessioneller Teams. Damit sollen Schulen in herausfordernder Lage nachhaltig gestärkt und die Bildungs- und Chancengerechtigkeit erhöht werden.
Für Kinder und Jugendliche mit geringen Deutschkenntnissen wird die sprachliche Förderung durch das Bund-Länder-Programm BiSS-Transfer weiter ausgebaut – hierzu gibt es unter anderem eine Empfehlung der SWK vom 29. Januar 2025. Ergänzend setzen Bund und Länder auf gezielte Schul- und Unterrichtsentwicklung sowie auf die Qualifizierung von Lehrkräften durch Fort- und Weiterbildungsangebote.
Hintergrund zur Studie
Der IQB-Bildungstrend 2024 basiert auf einer repräsentativen Stichprobe von 48.279 Schülerinnen und Schülern aus 1.556 Schulen in allen 16 Bundesländern. Erhoben wurden Kompetenzen in Mathematik sowie den naturwissenschaftlichen Fächern Biologie, Chemie und Physik. Zusätzlich wurden motivationale, sozio-emotionale und unterrichtsbezogene Merkmale analysiert. Die Studie überprüft das Erreichen der Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz und erlaubt eine Trendanalyse über die Jahre 2012, 2018 und 2024.
Berichtsband und Materialien zum Download
Rückfragen
Michael Reichmann
Sekretariat der Kultusministerkonferenz (KMK)
Pressesprecher
Taubenstraße 10
10117 Berlin
Tel.: +49 30 25418-462
michael.reichmann@kmk.org
www.kmk.org


