Kultusminister Konferenz

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„Leistung macht Schule“ – Motor für die Schule des 21. Jahrhunderts?

Interview mit dem KMK-Präsidenten und Hessischen Kultusminister Prof. Dr. R. Alexander Lorz anlässlich der LemaS-Jahrestagung in Karlsruhe.

Die Bund-Länder-Initiative „Leistung macht Schule“ (LemaS), die gemeinsam von der Kultusministerkonferenz und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird, läuft seit 2018 an 300 Schulen in ganz Deutschland mit dem Ziel einer leistungs- und begabungsfördernden Schulpraxis. Zur Jahrestagung unter dem Leitthema „Leistung – Begabung – Schulentwicklung“ kamen vom 19. bis 21. September rund 750 Teilnehmende aus Schulen, Politik und Wissenschaft in Karlsruhe zusammen. In Workshops, Vorträgen und Themenforen wurden die bisherigen Projekterkenntnisse und Ergebnisse zur Leistungs- und Begabungsförderung gemeinsam diskutiert und weiterentwickelt. Der Fokus lag dabei auf der Qualifikation und Weiterprofessionalisierung von Lehrkräften im Bereich der Leistungs- und Begabungsförderung, auf der Schulentwicklung und Netzwerkbildung sowie der Erarbeitung von diversitätssensiblen individuellen Förderformaten im Regelunterricht. Am Eröffnungstag sprachen Anja Schöpe (diesjährige Vorsitzende der Bund-Länder-AG LemaS) und Sabina Spindeldreier (KMK-Sekretariat) mit dem Präsidenten der Kultusministerkonferenz und Hessischen Kultusminister Prof. Dr. R. Alexander Lorz.

Herr Prof. Dr. Lorz, warum ist es Ihnen wichtig, an der Eröffnungsveranstaltung der LemaS-Jahrestagung teilzunehmen, und was nehmen Sie mit?

„Leistung macht Schule“ ist für die Länder ein besonderes Projekt, und das wollte ich als KMK-Präsident auch persönlich zum Ausdruck bringen. Dies gemeinsam mit der Bundesbildungsministerin Anja Karliczek in einem Podiumsgespräch zu tun, unterstreicht das gemeinsame Ziel von Bund und Ländern, unsere Schulen in der Begabtenförderung voranzubringen. Mitnehmen werde ich vor allem den Eindruck der besonderen Atmosphäre, der positiven Energie, mit der alle Akteure, vor allem die beteiligten Lehrkräfte in unseren Schulen, in der Initiative mitarbeiten. Das freut mich ganz persönlich.

Klingt, als habe LemaS für Sie eine besondere Bedeutung…

Ja, das muss ich gestehen, denn LemaS ist irgendwie mein „Baby“. Es waren Hessen, Sachsen und Bayern, von denen der Impuls für die Initiative ausging. Es war wichtig, nach dem sogenannten PISA-Schock alle Energie für die Förderung leistungsschwacher Schülerinnen und Schüler einzusetzen. Kein Kind zurückzulassen, gehört zu einer solidarischen Gesellschaft. Doch zur Bildungsgerechtigkeit gehört auch die Förderung leistungsstarker Schülerinnen und Schüler. Außerdem sollte sich keine Gesellschaft erlauben, auf die Entwicklung der Talente ihrer jungen Menschen zu verzichten. Und wie die Ergebnisse von Leistungsstudien zeigen, gelingt uns das bisher noch zu wenig. Die Förderung leistungsstarker Schülerinnen und Schüler im Regelunterricht ist kein Selbstläufer. Das hat mir heute auch die Reaktion von anwesenden Schulleiterinnen und Schulleitern gezeigt: Wenn eine Schülerin oder ein Schüler gute Leistungen in einem Fach zeigt, so versuchen viele Lehrkräfte erst gar nicht, ihn oder sie zu noch besseren Leistungen in Richtung einer Eins zu motivieren. Denn die Note 2 ist ja bereits erreicht. So wird viel Potential nicht aktiviert. LemaS – da bin ich mir sicher – wird das ändern.

Das sind hohe Erwartungen…

Das stimmt. Und die sind gerechtfertigt. Dass es gelungen ist, die Initiative im Schulterschluss aller 16 Länder, also über alle politischen „Farben“ hinweg, und gemeinsam mit dem Bund ins Leben zu rufen, zeigt ja deutlich, wie wichtig uns allen dieses Thema ist. Auch die Dauer der Initiative, die auf zehn Jahre – und damit über Wahlperioden hinweg – angelegt ist, ist ein deutliches Signal, dass Bildungspolitikerinnen und -politiker auf Landes- und Bundesebene durchaus in der Lage sind, langfristig zu denken und zu handeln. Gerade in der Langfristigkeit der Bund-Länder-Initiative liegen viele Chancen. Es ist ein spannendes und, wie mir Frau Prof. Weigand, die Verbundkoordinatorin von LemaS, sagte, ein weltweit einzigartiges Programm, das von der internationalen Wissenschafts-Community offenbar sehr interessiert verfolgt wird. In LemaS ziehen Schulpraxis, Wissenschaft und Bildungspolitik von Bund und Ländern am selben Strang. Dadurch wird es maßgebliche Impulse für die Entwicklung von Schule und Unterricht insgesamt geben.

Ist also LemaS ein Motor für die Schule des 21. Jahrhunderts? Das war ja eine Frage, die heute während der Eröffnungsveranstaltung diskutiert wurde.

Ja, genau. Unsere 300 LemaS-Schulen werden beispielgebend für die Begabtenförderung sein und als Multiplikatoren all ihre Erfahrungen anderen Schulen zur Verfügung stellen. Doch LemaS wird darüber hinaus allgemeine Ideen für die individuelle Förderung entwickeln. Dies zeigen die bisherige Arbeit und die ersten Zwischenerkenntnisse der Initiative deutlich. Wenn ich erkennen möchte, welche Schülerinnen und Schüler potenziell leistungsstark sind, stelle ich mich automatisch der Aufgabe, das Potenzial eines jeden Kindes zu erkennen, um es schließlich in der Entwicklung seiner Stärken und seiner Persönlichkeit zu unterstützen. Das ist individuelle Förderung, so wie sie verstanden werden sollte: ein stärkenorientierter Blick auf jedes einzelne Kind. Für mich gehört zur Bildungsgerechtigkeit in einer zunehmend heterogenen Gesellschaft, leistungsstarke Kinder und Jugendliche individuell zu fördern und Talente und Potenziale auch dort zu erkennen, wo man sie auf den ersten Blick nicht vermutet – und zwar unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder sozialem Status. Das trifft im Kern die Querschnittsaufgabe, vor der wir in der schulischen Bildung im 21. Jahrhundert in allen Bereichen stehen.

LemaS als Impulsgeber für die individuelle Förderung… Was heißt das konkret? Was erhoffen Sie sich genau?

Ich erhoffe mir ein Portfolio innovativer Konzepte und Strategien, wie die Förderung leistungsstarker Schülerinnen und Schüler besser als bisher gelingen kann, aber auch Wissen darüber, wie leistungsfähige Schülerinnen und Schüler überhaupt erst erkannt werden, also Erkenntnisse für die individuelle Förderung generell. Damit meine ich in der Praxis entwickelte Maßnahmen, deren Wirkung wissenschaftlich untersucht ist. Hier sehe ich das besondere Innovationspotenzial von LemaS. Praxiserfahrungen, wie Begabtenförderung funktionieren kann, hatten Schulen selbstverständlich auch schon vor LemaS. Doch wissenschaftliche Belege dafür, was wirklich wirkt, gibt es so gut wie keine. Es ist eine einmalige Chance, hier die Datenbasis deutlich zu verbessern.
Und ich erhoffe mir auf dieser Grundlage Empfehlungen für bildungspolitische Entscheidungen. Zum Beispiel: Welche Weichen sollten wir in der Lehreraus- und -fortbildung stellen? Welche Rahmensetzungen für Schulen sollten sich verändern? Wie können Leitbild und Kultur einer Schule, die die Vielfalt anerkennen und wertschätzen will, systematisch entwickelt werden? Wie können Ressourcen, die ja endlich sind, am effektivsten eingesetzt werden? Wie können Landesinstitute und andere Qualitätseinrichtungen der Länder sich mittels dieser Initiative noch besser miteinander vernetzen, ihre Kompetenzen miteinander teilen und auch an dieser Stelle nachhaltige Strukturen aufbauen? Wie können wir die Möglichkeiten der Digitalisierung für die individuelle Förderung am besten nutzen? Welche Unterstützungsstrukturen sind besonders hilfreich? Ich möchte einfach, dass wir von dem „Gefühlt-sollte-es-so-sein“ wegkommen und einen deutlichen Schritt in Richtung wissenschaftsbasierter Handlungsentscheidungen gehen.

Wenn Sie abschließend einen Appell an Ihre Ministerkolleginnen und -kollegen richten müssten, wie würde der lauten?

(Lacht) Nun, sie wissen zwar selbst, was zu tun ist … Doch okay, wenn ich müsste, würde ich sagen: Unterstützt eure Fachleute und LemaS-Schulen so gut wie möglich, habt weiterhin ein offenes Ohr für ihre Anliegen, nehmt euch Zeit, auf Veranstaltungen wie die LemaS-Jahrestagung zu gehen, und stellt die Weichen für nachhaltige Strukturen, sodass der Transfer der Ergebnisse gelingt und die Früchte der LemaS-Initiative ihre Wirkung in möglichst allen Schulen entfalten können.