Kultusminister Konferenz

 

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Statement zur Vorstellung und Bewertung der PISA-E Studie am 25. Juni 2002

Statement der Präsidentin der Kultusministerkonferenz und Thüringer Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Prof. Dr. Dagmar Schipanski, zur Vorstellung und Bewertung der PISA-E Studie am 25. Juni 2002 um 18 Uhr in Berlin

Es gilt das gesprochene Wort.

Meine Damen und Herren,

als die Kultusministerkonferenz sich 1997 entschloss, an der internationalen PISA-Studie teilzunehmen, konnte wohl niemand von uns ahnen, welche Aufmerksamkeit dieser Studie zuteil werden würde.

Und dies ist ohne Zweifel eine zentrale positive Seite der Studie, die wir Ihnen heute in vollem Umfang vorstellen wollen: Endlich hat Bildung in Deutschland den Stellenwert in der Diskussion, der ihr nach unserer Auffassung gebührt.

Bildung ist kein Thema für kleine Expertenrunden, die in politischen Hinterzimmern tagen – nein, die Schulbildung gehört zu den wichtigsten Aufgaben eines Landes.

Es ist daher richtig, dass das schlechte internationale Abschneiden Deutschlands dieser Diskussion ein besonderes Gewicht verleiht und das Mega-Thema Bildung jetzt im Vordergrund steht.

Deshalb sind wir – bei aller Dramatik der Ergebnisse – froh, dass uns diese Studie und insbesondere der Ländervergleich innerhalb Deutschlands jetzt vorliegen.

Der damalige Beschluss hat sich als richtig erwiesen, und ich danke zuallererst dem Vorsitzenden des deutschen PISA-Konsortiums, Prof. Dr. Jürgen Baumert, und allen Kolleginnen und Kollegen sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung für ihre qualitätsvolle Arbeit.

Wer die komplette Studie liest, sie Seite für Seite durcharbeitet, der kann ermessen, welche enorme wissenschaftliche Leistung hier erbracht worden ist und welchen Wert die Studie für unser gemeinsames bildungspolitisches Handeln darstellt.

Meine Damen und Herren,

mit PISA hat sich die Bundesrepublik Deutschland erstmals in breiter Form und systematisch an internationalen Vergleichsuntersuchungen zu Schülerleistungen beteiligt.

Wir haben keine "Bildungsolympiade" veranstaltet. Sinn einer ländervergleichenden PISA-Studie war auch nicht, "Gewinner" und "Verlierer" zu ermitteln, sondern es ging und geht darum, voneinander zu lernen und den Wettbewerb voran zu treiben. Es wird jetzt entscheidend darauf ankommen, wie wir die hiermit eröffneten Möglichkeiten nutzen.

Dabei sind wir uns bewusst, dass die PISA-E-Ergebnisse nur Rückmeldungen über einen, wenn auch wesentlichen Aufgabenbereich der Schule geben. Fragen der Schlüsselkompetenzen, Erziehung und Persönlichkeitsbildung sind ebenfalls von zentraler Bedeutung, auch wenn sie bei PISA-E keine Rolle spielen.

Über wesentliche Befunde der Studie wird Sie gleich Herr Prof. Baumert aus erster Hand informieren.

Meine Damen und Herren,

mit Sorge und Aufmerksamkeit registrieren wir die Niveau-Unterschiede der Schülerleistungen zwischen den einzelnen Ländern wie auch die aufgezeigten Unterschiede, die sich aus sozialen Ungleichheiten ergeben.

Beide stellen eine zentrale Herausforderung für das künftige bildungspolitische Handeln dar, das eine nachhaltige Reduzierung dieser Ungleichheiten in den Bildungs- und Qualifizierungschancen der heranwachsenden Generationen anstreben muss. Solche Unterschiede zu vermindern, erfordert gemeinsames Handeln der Länder, nicht aber Einheitsrezepte, die den unterschiedlichen strukturellen Gegebenheiten und Problemlagen der Länder nur ungenügend Rechnung tragen.

Deshalb bekennt sich die Kultusministerkonferenz klar und eindeutig zum Bildungsföderalismus. Er ist ein zentrales Element der Bundesrepublik. Wer – wie ich – aus einem zentralistisch organisierten System stammt, wo alles von oben ohne Rückkoppelung reguliert wurde, der freut sich jeden Tag über den Föderalismus, auch wenn dieser – wie es in der Natur aller Dinge liegt – nicht nur Vorteile hat.

Wer die Chance hat, von den Besten zu lernen, sich über die Systeme auszutauschen und diese zu vergleichen, muss diese Chancen aber auch nutzen. Dazu sind wir jetzt alle aufgefordert.

Die durch PISA aufgezeigte Notwendigkeit einer Qualitätssteigerung im deutschen Schulwesen erfordert Anstrengungen aller Länder. Die Kultusministerkonferenz hat dazu bereits im Dezember sieben Handlungsfelder festgelegt. In diesen sind bereits viele Aktivitäten und Veränderungen begonnen worden. Ich möchte die sieben Schwerpunkte hier noch einmal kurz benennen:

  • Wir wollen die Sprachkompetenz bereits im vorschulischen Bereich verbessern.
  • Wir wollen eine bessere Verzahnung von vorschulischem Bereich und Grundschule mit dem Ziel einer frühzeitigen Einschulung erreichen.
  • Wir haben Maßnahmen ergriffen, um die Lesekompetenz und das grundlegende Verständnis mathematischer und naturwissenschaftlicher Zusammenhänge bereits in der Grundschule zu verbessern.
  • Bildungsbenachteiligte Kinder müssen wirksamer gefördert werden, insbesondere auch Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund.
  • Die Qualität von Unterricht und Schule muss gesichert und konsequent weiterentwickelt werden. Grundlagen dafür sind verbindliche Standards sowie eine ergebnisorientierte Evaluation.
  • Wir wollen die Professionalität der Lehrertätigkeit verbessern, insbesondere im Hinblick auf diagnostische und methodische Kompetenz als Bestandteil systematischer Schulentwicklung.
  • Schulische und außerschulische Ganztagsangebote sollen ausgebaut werden mit dem Ziel erweiterter Bildungs- und Förderungsmöglichkeiten, insbesondere für Schülerinnen und Schüler mit Bildungsdefiziten und besonderen Begabungen. 

Auch im Lichte der Befunde von PISA-E bestätigt sich der Vorrang von Maßnahmen in diesen Feldern. Dies gilt für alle Länder, von Bayern bis Bremen.

Dabei werden die Schwerpunkte und Prioritäten des Handelns der einzelnen Länder sicher auf der Basis der landespezifischen Befundlage zu überprüfen und an der einen oder anderen Stelle neue Akzente zu setzen sein.

Keines der 16 Länder hat die Absicht sich zurückzulehnen, wie die Veröffentlichungen der letzten Tage deutlich zeigen. Dazu gibt es auch keinen Anlass.

Wir haben heute in unserer ersten Beratung nach der Vorstellung der Ergebnisse festgehalten, dass wir genau analysieren müssen, was einigen Ländern anscheinend besser gelingt als anderen. Wir wollen nicht nur international, sondern auch innerhalb Deutschlands von den Besten lernen.

Wenn die Abstände innerhalb Deutschlands zum Teil eineinhalb bis zwei Schuljahre betragen, dann ist klar: Um der Kinder willen müssen wir besonders in den Ländern am unteren Ende der Skala vermehrt Anstrengungen unternehmen.

Wer behauptet, in Deutschland sei alles schlecht und es gehe nur noch darum zu schauen, wer der Erste unter den Letzten ist, der verkennt, dass zumindest einige Länder deutlich über dem OECD-Durchschnitt liegen.

PISA liefert uns aber weit mehr als nur Ranglisten. Durch hervorragende wissenschaftliche Analysen des Konsortiums haben wir verschiedene Ansatzmöglichkeiten zur Veränderung.

So untersucht PISA-E zum Beispiel die Auswirkungen des Migrationshintergrunds auf den Wissenserwerb in den verschiedenen Ländern, die Leistungen der Schüler in verschiedenen Schularten, die Ausdifferenzierungen zwischen der Gruppe der 15-Jährigen allgemein und den Schülern der 9. Klasse oder auch die Auswirkungen von sozial unterschiedlichen Hintergründen.

Gerade wissenschaftliche Expertise wollen wir auch zukünftig bei der Bewältigung der vor uns liegenden Aufgaben heranziehen. Deshalb begrüßen wir das Programm der DFG zur Förderung von Nachwuchsgruppen in der empirischen Bildungsforschung und setzen auf eine gute Zusammenarbeit von Wissenschaft und Schulbereich, wofür die Kultusministerkonferenz hervorragende Bedingungen bietet.

Meine Damen und Herren,

PISA zeigt auf zentrale Stellen des Schulsystems:

Wer Wissen erwerben will, muss lesen können.

Wer vielfältige Zusammenhänge auf unterschiedlichen Wissensgebieten beurteilen will, muss mathematische Modelle bilden und verstehen können.

In einer technisch-naturwissenschaftlich geprägten Welt kommt man ohne ein grundlegendes Verständnis naturwissenschaftlicher Konzepte und Prozesse nicht aus.

Dies bedeutet nicht, dass wir auf weitere Kompetenzen wie den Erwerb historischen Verständnisses, sozialer Kompetenzen oder die Vermittlung von Werten verzichten können.

Aber der Fokus muss auf der wechselseitigen Ergänzung liegen.

Daher werden PISA 2000 und PISA-E keine Eintagsfliegen sein. Die Untersuchungen werden fortgesetzt. Bereits im nächsten Jahr wird die zweite Runde von PISA mit dem Schwerpunkt Mathematik durchgeführt. Wir haben entschieden, diese Studie ebenfalls um einen Ländervergleich zu erweitern. Im April 2003 werden der Öffentlichkeit die Ergebnisse der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) vorgestellt. Dann haben wir auch Informationen über den Leistungsstand von Schülerinnen und Schülern am Ende der Grundschulzeit. Mit DESI (Deutsch-Englisch-Schülerleistungen-International) wird ein weiterer Bereich getestet.

Außerdem haben wir bereits im Mai auf der Wartburg beschlossen, im Herbst 2003 zum ersten Mal einen nationalen Bildungsbericht vorzulegen. Dieser wird in Zukunft jedes Jahr veröffentlicht. Wir werden dies als Kultusministerkonferenz tun, da wir für den Bildungs- und Schulbereich nicht nur zuständig, sondern auch verantwortlich sind – und eben nicht der Bund.

Der nationale Bildungsbericht soll zum einen als Basis für die weitere Bildungsplanung dienen und zum anderen die Öffentlichkeit über den aktuellen Stand und die Entwicklung des Bildungswesens in Deutschland informieren. Die aus den Vergleichsuntersuchungen gewonnenen Zahlen werden in die vorgesehene Berichterstattung der Kultusministerkonferenz über Bildung in Deutschland einfließen.

Darüber hinaus werden wir jetzt zügig an die Umsetzung der einheitlichen Bildungsstandards gehen, deren Einführung wir bereits vor der Veröffentlichung der PISA-Studie beschlossen haben. Gleichzeitig werden wir auch den Lernprozess insgesamt mit nationalen Bildungsstandards begleiten. Dabei werden wir auf einzelne Vorarbeiten zurückgreifen, wie sie im vergangenen Jahr von verschiedenen Ländergruppen erarbeitet wurden.

Bildungsstandards legen Kerninhalte fest, die als gesichertes Wissen zusammen mit Fertigkeiten und überfachlichen Kompetenzen am Ende eines bestimmten Bildungsabschnitts vorhanden sein müssen.

Vielleicht sollten sich einige Bundespolitiker, bevor sie an die Öffentlichkeit gehen, zunächst einmal darüber informieren, was die Kultusministerkonferenz bereits beschlossen und damit auf den Weg gebracht hat.

Meine Damen und Herren,

die Weichen für die ersten Konsequenzen aus PISA-E sind also bereits gestellt. Jetzt gilt es, die neuen Gleise zügig zu befahren.

Eines allerdings muss klar sein: Bildung gibt es nicht zum Nulltarif. Nicht alles ist eine Frage der Finanzen, aber wir werden, um die aufgezeigten Schwächen zu beheben, Geld brauchen. Daher betonen wir als Kultusministerinnen und Kultusminister noch einmal ganz klar: Wir dürfen notwendige Sparmaßnahmen in Deutschland nicht auf Kosten der Bildung durchführen.

Meine Damen und Herren,

Die einzelnen Länder haben auf der Basis der ausführlichen Ergebnisse von PISA-E bereits eine Vielzahl von Konsequenzen gezogen, die sie in den Ländern vorgestellt haben. Sie reichen von Leseinitiativen über "Sprache lernen" in der Vorschule bis zur Überarbeitung entsprechender Lehrpläne für die einzelnen Fächer. Das sind Schritte in die richtige Richtung, die wir beschleunigen werden.

Herr Prof. Baumert, ich darf Sie nun bitten, uns wesentliche Befunde der ländervergleichenden PISA-Studie vorzustellen.

Sie, meine Damen und Herren von den Medien, möchte ich bitten, die Ergebnisse der Studie nicht auf einen Medaillenspiegel zu reduzieren, sondern die differenzierten Ergebnisse genauso differenziert in die Öffentlichkeit hinein zu vermitteln.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Organisation der Pressekonferenz:

Veranstaltungsforum der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck GmbH, Berlin